Hochsensibilität erkennen – Warum manche Geräusche unerträglich sind und wir Menschenmassen meiden

Jul 27, 2018 | Achtsamkeit, Heal

Durch das Internet und Social Media wurde das Thema Hochsensibilität erst in den letzten Jahren der breiteren Öffentlichkeit bekannt.

Mehr und mehr treffe ich dort jetzt auf Menschen mit einer ähnlichen Geschichte. Sie schreiben offen über ihre Erlebnisse als hochsensible Person (HSP) und wie sie damit umgehen.

Das Gefühl, nicht alleine zu sein, tut gut und erleichtert enorm. Und ich bin dankbar darüber, mich mit anderen zu dem Thema austauschen und mich mit meiner eigenen Hochsensibilität auseinander setzen zu können.

Denn hochsensibel zu sein, bedeutet nicht nur Forderung und Stress im Alltag – es kann etwas wunderbares sein und eine Gabe, wenn man richtig damit umzugehen weiß.  

Was ist Hochsensibilität und wie erkennst du, ob du zu den hochsensiblen Personen gehörst?

Was bedeutet es, hochsensibel zu sein 

Schon immer seit ich mich erinnern kann, nahm ich Töne, visuelle Reize und Gerüche intensiver wahr als meine Mitmenschen. Das Klirren von Besteck tat mir weh in den Ohren. Wenn meine Familie um mich herum am Esstisch hektisch und laut sprach, zog ich mich oft still zurück, weil es mir zu viel wurde. In der Schule hatte ich große Schwierigkeiten, mich auf den Unterricht zu konzentrieren. Denn ich war mehr damit beschäftigt, die Stimmen, Bewegungen und Handlungen meiner Mitschüler wahrzunehmen.

Rational wusste ich natürlich, dass ich mich unnötig stresste und versuchte die vielen Reize mit allen möglichen Ablenkungsstrategien auszuschalten. Doch all das half nicht. Meine Aufmerksamkeit auf manche Dinge war so hoch und ich konnte darauf keinen Einfluss nehmen. Denn mein Körper reagierte in diesen Momenten automatisch. 

Reizüberflutung bei Hochsensibilität

Später passierte es mir auf der Arbeit oft, dass das laute und schnelle Tippen auf der Tastatur meiner Kollegin zu viel für mich war. Es kam mir wie eine Bedrohung vor, und das Geräusch nahm ich unangenehm und intensiv wahr. Das laut knirschende Geräusch der Bahn auf den Schienen bei der Einfahrt im Bahnhof kann auch heute noch so unerträglich für mich sein, dass ich mir dabei die Ohren zu halten oder weg gehen muss. Und im Supermarkt fühle ich mich manchmal so reizüberflutet, dass ich so schnell wie möglich die Flucht ergreifen möchte: Viele Geräusche, visuelle Reize so weit das Auge reicht, Gerüche und hektische Bewegungen überall.

Der Albtraum einer hochsensiblen Person. Ich spüre förmlich, wie eilig es die Leute um mich herum haben und nehme ihre Launen auf, wenn sie an mir vorbeiziehen.

Und nicht nur das: Passe ich nicht auf, überträgt sich dieses Gefühl schnell auf mich.

Hochsensibilität kann extrem anstrengend sein – Ausgleich und Ruhe hilft 

Solche Erlebnisse passieren zwar nicht immer und überall, aber in vielen Alltagssituationen, die für andere ganz selbstverständlich sind. Sie können sehr anstrengend sein und wenn ich nicht auf mich acht gebe, stark erschöpfen. Ich brauche dann Ruhe und muss alleine sein. Nur mit mir, um meine Energiereserven wieder aufzuladen.

Früher nahm ich diese Dinge nicht so bewusst wahr, aber heute beobachte ich mich in solchen Momenten genauer

Je nach Situation bin ich manchmal hochkonzentriert auf alles, was um mich herum passiert und geschieht. Mein Körper scheint dann in ständiger Habachtstellung zu sein. In einem dauerhaften Zustand von erhöhter Aufmerksamkeit und Wahrnehmung, die sich auch nicht abschalten lässt.

Stimmungen und Einflüsse, die von Außerhalb auf mich eintreffen, nehme ich nicht nur intensiver wahr, sondern spüre sie sofort am Körper. Ich merke, wie ich automatisch die Schultern hochziehe, mich anspanne, meine Atmung flach wird und mein Nacken sich verkrampft. 

Die Antennen sind dauerhaft ausgerichtet und empfangen all die Signale und Vibes der Umgebung

Mein innerer Stresslevel ist oft über dem Normalbereich, die vielen Sinneseindrücke fühlen sich in solchen Momenten ‘überwältigend’ an.

Wie kannst du erkennen, ob du hochsensibel bist

Deine Sinneswahrnehmung 

Hochsensible Menschen sind generell empfindsamer für Umwelteinflüsse und haben eine erhöhte Wahrnehmung für bestimmte äußere Reize. Sie verarbeiten sie stärker und oft ungefiltert. Das System registriert nebenher oft mehr von dem, was um es herum passiert. Um das zu verdeutlichen: gefühlt wird die Informationsflut von außen nicht mehr gefiltert zu 50 Prozent, sondern zu 80 Prozent aufgenommen. 

Das kann sich zum Beispiel dadurch äußern, dass du geräuschempfindlich bist, Gerüche eher wahrnimmst und schnell als störend empfindest, du sehr stark auf visuelle Reize reagierst oder dein Geschmackssinn stark verfeinert ist.

Wahrscheinlich leidest du auch häufiger an Nahrungsunverträglichkeiten und / oder hast eine höhere Schmerzempfindlichkeit als andere Menschen. Auch Dinge auf deiner Haut können sich für dich viel intensiver anfühlen: während rauhes Material schnell richtig unangenehm sein kann, spürst du sanfte, gefühlvolle Berührungen intensiv und genießt sie sehr. 

Empathisch und gute Zuhörer

Menschen unterhalten sich gerne mit dir, denn du bist ein/e super Zuhörer/in und liebst Gespräche, die tiefgründig sind. Mit Oberflächlichkeiten kannst du weniger anfangen. Du bist emphatisch, mitfühlend und weißt Situationen und Menschen schnell richtig einzuschätzen. Du spürst schnell, wenn etwas nicht stimmt und gehst diesen Situationen aus dem Weg oder versuchst sie auf deine Art geschickt und feinfühlig zu klären.

Dadurch, dass du dich gut in andere hineinversetzen kannst und intensiver fühlst, meidest du Gewaltszenen in Filmen. Generell kannst du solche Dinge weniger leicht wegstecken und neigst zu Schreckhaftigkeit und erhöhter Angst.

Gutes Gedächtnis und komplexes, vielseitiges Denken

Auf der einen Seite sind viele hochsensible Menschen super perfektionistisch und selbstkritisch. So auch ich. Entscheidungen zu treffen fällt dir schwer, weil du alles miteinander abwägst. Du willst lieber gewissenhaft arbeiten und dir dabei Zeit nehmen können.

Außerdem verbindest du oft bestimmte Gefühle mit Situationen. Gerüche oder Geräusche können dich oft in vergangene Zeiten und Erlebnisse zurückversetzen.

Hochsensible haben oft einen großen Bezug zu sich selbst. Sie kümmern sich gut um ihr Seelenleben und sind kreative Menschen.

Manche sagen, Hochsensible arbeiten besonders fokussiert und konzentrationsfähig, wobei das bei mir weniger zutrifft. Meine Konzentration kann sehr schnell abschweifen. Und am effektivsten arbeite ich, wenn ich alleine bin und Ruhe habe. Du siehst also, dass nicht jedes der Merkmale von hochsensiblen Personen auf dich zutreffen muss. Bei jedem prägt sich das etwas anders aus.

Wenn du einen Test machen willst, findest du unter diesem Link einen ausführlichen Fragebogen zum Thema Hochsensibilität. Es sicher interessant, mal so einen Test zu machen. Aber ich bin mir auch sicher, dass du dich am Ende selber am besten einschätzen kannst 

😉

Was ist Hochsensibilität nicht? 

Ich will gleich vorwegnehmen, dass wir hochsensiblen Leute nicht gleichzeitig die  Schüchternen oder die ‘Sensibelchen’ sein müssen, wie viele denken.

Wenn ich mich richtig einschätzen kann, bin ich alles andere als das. Manchmal liebe ich laute elektronische Musik, Achterbahnfahrten, Motorradtouren und habe ab und zu eine Schwäche für Extreme. Auch wenn ich für andere eher zurückhaltend und ruhig rüber komme, ist das nur ein Anteil von mir. 

Zu unterscheiden ist Hochsensibilität auch von Hochsensitivität. Werden diese Begriffe von anderen oft gleichgestellt, denke ich dass es hier große Unterschiede gibt. Sind hochsensible Personen eher empfindsam und sehen sich einer ungefilterten Flut von Sinneseindrücken ausgesetzt, sind hochsensitive Personen empfänglich für Übersinnliches, hochintuitiv und können mediale, hellseherische Fähigkeiten haben. Oft ist es aber so, dass hochsensible Personen auch gleichzeitig hochsensitiv sein können. 

Wie entsteht Hochsensibilität? Alles genetisch oder doch nicht?

Viele sprechen davon, dass Hochsensibilität angeboren sei, aber meiner Meinung nach spielen auch vergangene Erlebnisse und Traumata eine riesige Rolle, die immer größere Informationsflut, die auf uns einwirkt sowie die Lebenssituation, in der wir uns gerade befinden.

Unser sympathisches Nervensystem, unsere Stress-Response, ist dauerhaft erhöht. Es ist verantwortlich für eine hohe Leistungsbereitschaft und bereitet unseren Körper für Stressaktionen à la ‚Kampf oder Flucht‘ vor. Und gerade bei Menschen mit Hochsensibilität ist der Sympathikus übermäßig aktiv. Deshalb ist es so wichtig für uns, für Ausleich und Ruhe zu sorgen. Möglichkeiten zu finden, zu entspannen.  

Dabei spielt der Gegenspieler unseres sympathischen Nervensystems, das parasympathische Nervensystem, eine große Rolle. Damit dieser die Rolle übernehmen kann, helfen ruhige, entspannende Aktivitäten: Meditation, viel Zeit für mich selbst, Einkaufen in kleineren Läden und Märkten, ruhige Orte, Natur, Ordnung und Minimalismus, Yin Yoga und ausreichend Schlaf helfen mir dabei. 

Hochsensibilität als Gabe

Auch wenn Hochsensibilität verdammt anstrengend ist. Viele beschreiben es als eine Gabe, als etwas wunderbares. Auch ich lerne mittlerweile nicht nur damit umzugehen, sondern auch die Schokoladenseite davon kennen. Diese erhöhte Empfindsamkeit für Gutes zu nutzen und einzusetzen.

Durch Feinsinnigkeit und verschärfte Wahrnehmung fällt es uns leicht, auf uns selber zu achten, und uns gut um uns zu kümmern. Wenn etwas mit uns nicht stimmt oder es unserem Körper nicht gut geht, fällt uns das leicht auf. Wir haben eine gute Fähigkeit, so Zugang zu unserem Körper und unserem Sein zu finden, und uns um unsere Gesundheit zu kümmern. Zum Beispiel über diese Übungen, die mir selbst sehr helfen.   

Wir sind intuitiv und spüren, was uns gut tut. Wir treffen unsere Entscheidungen oft instinktiv und wissen, was richtig ist.

Spiritualität und Heilung. Dadurch, dass wir eine erhöhte Wahrnehmung haben, nehmen wir Informationen und Energien oft viel feinstofflicher wahr. Dadurch haben wir auch einen Zugang zu Spiritualität, zu uns selbst, und zum Spüren von guten wie schlechten Vibes. 

Durch unsere Beobachtungsgabe und Empathie können wir Menschen oft ganz gut einschätzen und erkennen, was sie brauchen. Wir sind gute Zuhörer und voller Mitgefühl. 

Eure Meinung zum Thema Hochsensibilität

Ich würde gerne eure Gedanken und Meinungen zu dem Thema hören. Seid ihr auch von Hochsensibilität betroffen? Wie geht ihr damit um? Habt ihr mal beobachtet, wie euer Körper in solchen Momenten reagiert?  Was findet ihr gut an eurer eigenen Hochsensibilität? 

Das Thema finde ich so spannend und spricht mir aus der Seele, ich würde mich wahnsinnig gerne in Zukunft noch mehr damit auseinandersetzen, auch in Austausch mit anderen gehen. Gerade weil es meiner Meinung auch viel mit meinen Rückenschmerzen von früher zu tun hatte.

Meine genaue Rückenschmerzgeschichte findest du übrigens hier

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