Die Polyvagal-Theorie: Wie unser Nervensystem über die Folgen von Trauma entscheidet

Geschrieben von Marie Heintges

Nov 10, 2019

10. November 2019

Auf das Thema Polyvagal-Theorie bin ich neulich erst über den Polyvagal Podcast mit Justin Sunseri gestoßen, hat mich aber sofort gepackt. Die Polyvagal – Theorie wurde 2010 von Dr. Steven Porges veröffentlicht und greift die Prinzipien körperorientierter Traumaarbeit wie dem Somatic Experiencing auf und erweitert diese. In der Polyvagal-Theorie geht es darum, wie und warum wir auf verschiedene Stressoren reagieren und unser System über diesen automatisch ablaufenden Mechanismus bestimmt. Dabei wird erklärt, wie Disregulation und Belastungen auf unser Nervensystem einwirken und durch drei evolutionär festgelegte Systeme über einen Zustand von Stress und Gefahr oder Sicherheit bestimmen.

Den Anfang macht dabei unser Autonomes Nervensystem (ANS). Es regelt zentral, wie unser Körper mit Stress und Gefahr umgeht.

Das Autonome (vegetative) Nervensystem

Unser autonomes Nervensystem erhält, verarbeitet und integriert Input von innen und aus unserer Umwelt. Das ganze geschieht vollkommen unwillkürlich, unterliegt also nicht direkt unserer bewussten Kontrolle.

Die Funktion des autonomen Nervensystems ist es, unsere innere wie äußere Umgebung zu kontrollieren und zu regulieren. So entscheidet es im Wesentlichen darüber, wie kohärent wir mit uns und unserer Umwelt sind und wie wohl wir uns dadurch in unserer Aussenwelt fühlen. Jede autonome Antwort (unseres Nervensystems) auf seine äußere und innere Umgebung hat dabei eine einzige Aufgabe: unser Überleben zu sichern. Der ganze Prozess läuft also aus gutem Grund ab. Bei Gefahr werden dabei körperliche Reaktionen wie Anspannung, erhöhte Aufmerksamkeit, schnellere Atmung oder eine erhöhte Herzfrequenz in Gang setzt.

Sympathikus und Parasympathikus

Sympathikus Parasympathikus Polyvagal

Wie du vielleicht vermuten kannst, haben Sympathikus und Parasympathikus zwei ganz gegensätzliche Funktionen die sie in unserem Körper erfüllen.

Das sympathische Nervensystem ist vor allem für Gefahrensituationen zuständig. So rüstet es deinen Körper für ‘Kampf oder Flucht’. Dafür werden u.a. Stresshormone wie Adrenalin und Cortisol ausgeschüttet. Bei Belastung kann kurzzeitig die Leistung des Körpers gesteigert werden so dass wir bestens auf die anstehende Gefahr gerüstet sind.

In Ruhe und Entspannung springt unser parasysmpathisches Nervensystem ein. Ist es aktiv, kann unser Körper sich wieder dem inneren Aufbau, einem geregeltem Stoffwechsel und unserer Gesundheit widmen. Er wird deshalb auch der ‘Ruhenerv’ oder ‘Entspannungsnerv’ genannt.

Beide Systeme, der Parasympathikus wie auch der Sympathikus können gleichermaßen einspringen und aktivieren Funktionen im Körper, die unser Überleben bei Gefahr sichern sollen. Optimal kann unser Nervensystem leicht zwischen diesen Zuständen hin- und herpendeln. Zum Problem wird es, wenn wir aber aus irgendeinem Grund nicht in der Lage sind, diese Balance zu halten oder selbst in sicheren Situationen mit Gefahr reagieren. Du wirst gleich erfahren warum da so ist, denn genau damit beschäftigt sich die Polyvagal-Theorie.

Polyvagal-Theorie: Soziales Engagement, Kampf oder Flucht – und Immobilität!

Polyvagale Theorie

Die Antwort unseres Nervensystems auf unsere Umwelt mit ‘Kampf oder Flucht’ bei Stress oder ‘Ruhe und Entspannung’ bei Sicherheit dürfte den meisten soweit bekannt sein. Nach neueren Erkenntnissen unter anderem dank Dr. Peter Levine und Dr. Steven Porges ist diese Aufteilung aber nicht ganz komplett. Nach Dr. Porges’ Polyvagal-Theorie ist diese Aufteilung aber nicht ganz komplett, sondern wird noch um eine weitere Ebene erweitert.

Das Parasympathische Nervensystem verläuft hauptsächlich über den Vagusnerv welcher wie auf einer Autobahn Gehirn und viszeralen Systeme verbindet und Informationen z.B. an innere Organe verteilt. Parasympathikus teilt sich demnach in zwei Hauptstränge auf: einen ventralen (zur Vorderseite des Körpers) Zweig, sowie in einen dorsalen (rückseitigen) Zweig. Während der ventrale Zweig des Vagusnervs für den uns bekannten pro-sozialen Modus von Ruhe und ‘sozialen Engagement’ zuständig ist, stellt der dorsale Strang einen Zustand von Erstarrung und Immobilität her.

Interessant ist jetzt, dass dieser Stressmechanismus als Teil des Parasympathikus ebenso ein Zustand von Ruhe und Immobilität (wie unter Sozialem Engagement) ist, jedoch gleichzeitig mit Angst und dem Empfinden von höchster Gefahr und Ausweglosigkeit verbunden ist. Hiernach stellt Dr. Steven Porges das System der Polyvagalen Leiter mit seinen hierarchisch angeordneten Subsystemen des autonomen Nervensystems vor.

Was ist die Polyvagale Leiter?

Wie bei einer Leiter werden die drei Ebenen des autonomen Nervensystems hierarchisch aufgeteilt von pro-sozialem, sicheren Engagement über Kampf/Flucht zu Immobilität und Dissoziation am Ende der Kette.

Systeme der Polyvagalen Leiter: Ventral – Vagal, Sympathisch, Dorsal-Vagal

Polyvagale Theorie Leiter

1. Ventral- Vagal: Sicherheit und Soziales Engagement

Der ventrale Zweig des parasympathischen Nervensystems steuert unser Sozial-, Bindungs-, und Beziehungsverhalten. Evolutionär gesehen ist dieser Modus gleichzeitig auch der jüngste. Das System sozialen Engagements ist vor allem zuständig für die Steuerung der Gesichtsmuskeln. Dadurch können wir schnell und einfach mit unserer Aussenwelt in Verbindung treten und Reize aus der Umwelt wahrnehmen.

Das ventral-vagale System ist aktiv, wenn wir uns sicher fühlen. Wir sind dann ganz fließend in der Lage, uns ungezwungen und leicht in der Außenwelt zu bewegen, Kontakte zu knüpfen, offen auf andere Menschen zuzugehen, Konflikte zu lösen. Gleichzeitig können wir schnell einschätzen, ob sich unsere soziale Umgebung für uns sicher oder gefährlich anfühlt. So sehen wir unsere Mitmenschen meist nicht als Feind oder etwas Bedrohliches, sondern begegnen ihnen verständnisvoll, neugierig und mit offenem Herzen.

Soziales Engagement Porges

2. Sympathisch – Gefahr und Kampf oder Flucht

Der Sympathikus steuert bei Gefahr durch Mobilisierung unser ‚Kampf oder Flucht‘ Verhalten. Durch wahrgenommene Gefahr – Achtung, es muss keine tatsächliche Gefahr herrschen -, werden hier primitive und ursprünglichere Mechanismen aktiviert um unser Überleben zu sichern. Stresshormone werden dabei ausgeschüttet und unsere Muskeln stellen sich durch Mobilisierung auf bevorstehende Gefahr ein.

Ist die Gefahr vorüber, entlädt sich optimalerweise die mobilisierte Energie. Dem Körper wird signalisiert: Die Gefahr ist vorüber. Stresshormone werden abgebaut, wir schalten zurück in den ventral-vagalen Modus und können uns wieder in Sicherheit wägen. Dies geschieht durch Muskelaktivität wie Zittern oder Flucht, allgemein aber durch Bewegung und Aktion. Erfolgt kein Entladen der mobilisierten Energie, so schaltet unser Nervensystem bei jedem zukünftigen Trigger automatisch zurück in einen Modus von Flucht oder Angriff. Sehen wir in der Stressreaktion keine Möglichkeit des Angriffs oder der Situation zu entkommen, aktiviert unser Nervensystem den dorsal-vagalen Modus.

“Geschieht keine Entladung, so schaltet unser Nervensystem bei jedem zukünftigen Trigger, der diese Gefahrenantwort wieder in uns hervorruft, automatisch wieder in diesem Modus.“

3. Dorsal-Vagal – Immobilität, Erstarrung oder Dissoziation

Als das älteste und primitivste der drei Systeme schaltet sich der dorsal-vagale Modus ein, wenn wir weder über unser soziales System angemessen interagieren und uns dadurch in Sicherheit fühlen können, noch einen Ausweg aus der Gefahr durch Angriff oder Flucht sehen. Als Kinder können das zum Beispiel Orte wie die Schule oder unser zu Hause sein. Sehen wir keinen Weg, uns der Situation zu entziehen (Situation scheint unausweichlich), und herrscht dort gleichzeitig kein Gefühl von Sicherheit (z.B. durch körperlichen oder emotionalen Missbrauch), schalten wir oft in einen Modus von Immobilität und Erstarrung. Immobilität Ist ein Überlebensmechanismus, und in Kombination mit Angst bildet sich Trauma. Die Folgen sind ein inneres Gefühl von Leere, emotionaler Taubheit, Abschalten, von sich getrennt fühlen (Dissoziation).

Da Erfahrungen von Abweisung, körperlichem oder emotionalem Missbrauch oder Abweisung für Kinder besonders schmerzhaft und oft mit Scham behaftet sind, wird dieser Mechanismus gerne genutzt, um uns emotional von unserer Außenwelt abzutrennen um diesen Schmerz nicht mehr zu spüren.

Typische Anzeichen sind scheinbare Emotionslosigkeit, Probleme, angemessenes Empathievermögen zu entwickeln, eine eingesunkene Haltung, ein leerer Blick, ein emotionslos wirkendes Gesicht, inneres Kältegefühl, Depression, ein inneres Gefühl von Nebel im Kopf oder wie in einer Wolke zu sein, Dissoziation.

Polyvagale Leiter Trauma

Balance der Polyvagalen Leiter bestimmt über Reaktion mit Stress oder Sicherheit

Das Einspringen von Sympathikus und Parasympathikus als Antwort auf Gefahr oder Sicherheit ist evolutionär bedingt und ein ganz natürlicher Prozess. Optimalerweise sollte unser Nervensystem überwiegend über den zentralen Ast mit sozialem Engagement agieren. Wir sollten auch in der Lage sein, zwischen dem sympathischen und ventral-parasympatischem hin-und herzupendeln. Unter gewissen Bedingungen ist es absolut essentiell und überlebenswichtig, dass dieser Ablauf reibungslos funktioniert.

Bei traumatisierten Menschen ist dieser natürliche Prozess von Abwechslung und Balance gestört. So kann es passieren, dass wir in sicheren Situationen mit Gefahr reagieren weil wir die Polyvagale Leiter eine Ebene tiefer gerutscht sind. Dann nehmen wir übermäßig oft selbst in scheinbar harmlosen Situationen Gefahr wahr, oder können Emotionen und Gesten nicht klar deuten. So fühlen wir uns in unserer Umgebung nicht sicher, können Freundlichkeit oder Anzeichen von Bedrohung nicht klar deuten oder wollen selbst Nähe und Zuneigung von anderen nicht zulassen.

In einem Modus, bei dem du auf Gefahr eingestellt bist wirst du gleichzeitig Reize aus der Umwelt viel stärker wahrnehmen als jemand der sich voll und ganz in Sicherheit fühlt. Wie durch eine Linse hast du dann einen Blick für mögliche Gefahrenimpulse und nimmst diese dementsprechend direkter auf. Gleichzeitig werden dabei äußere Reize aber auch wie du deine innere Welt wahrnimmst wie durch einen Filter viel eher wahrgenommen. Ein Teufelskreis also denn je nachdem in welchem Modus wir uns gerade befinden, so sehen wir auch unsere Welt.

Natürliche Regulation der Polyvagalen Leiter

Wir wählen nicht bewusst darüber, in welchem Modus der polyvagalen Leiter wir uns befinden. So sind sie keine Option für uns, sondern diese Prozesse laufen evolutionsbedingt und automatisch in unserem Körper ab. Was hilft also einem reguliertem Ablauf unseres Nervensystems, so dass ein müheloses hin- und herpendeln zwischen den Ebenen möglich ist und du schnell wieder in einen pro-sozialen und sicheren Modus wechseln kannst?

Zum Einen ist unsere Entwicklung in der Kindheit entscheidend darüber wie gut unsere Selbstregulation In der Gegenwart funktioniert. Diese wird vor allem in der Kindheit geprägt durch Co-Regulation und gesunde Interaktionen wie Augenkontakt, Positionierung, Hilfe, Berührung oder Spiel mit unserer Umwelt. Eine gesunde Selbstregulation führt automatisch auch zu einer gesunden Resilienz, wodurch wir später besser mit Stress und Belastungen umgehen können.

Da unser Körper über unser Nervensystem mit Herz, Lunge, Verdauungstrakt und Faszien im Erleben und der Verarbeitung von traumatischen Ereignissen involviert ist, können wir ihn genau über diesen Weg auch wieder regulieren. Signalisieren wir unserem Körper über unserem Körper dass alles in Ordnung ist und wir in Sicherheit sind, so können wir aus der automatischen Trauma-Response herauskommen und wieder in den Modus von ’sozialem Engagement und Sicherheit‘ gelangen:

1. Atmung

Atmung-Parasympathikus
Regelmässige und langsame Atmung aktiviert unser parasympathisches Nervensystem

Eine wunderbares Tool zur Selbstregulation ist unsere Atmung. Wenn wir unseren Fokus auf unsere Ausatmung und eine Atmung über unseren Bauch legen, wird unser parasympathisches Nervensystem aktiviert. Dieser Prozess signalisiert unserem Körper Sicherheit und Ruhe.

2. Bewegung

Jede Form von Bewegung hilft dir, um Energie in Bewegung zu bringen und Stress abzubauen. Spaziergänge in der Natur, Yoga, Qi Gong, Joggen und Schwimmen sind zum Beispiel super dazu geeignet.

3. Energetische Blockaden lösen

Traumatische Energie wird intuitiv oft unmittelbar nach dem Event durch intuitives Zittern entladen. Passiert dies nicht und bleibt die traumatische Energie durch welchen Grund auch immer im Körper, so wird dein System in Zukunft bei ähnlichen Erlebnissen jedes Mal wieder mit Gefahr reagieren.

Wichtig: Die Entladung von angestauter Energie sollte immer langsam und achtsam passieren. Tolle Wege dazu sind z.B. EFT (Emotional Freedom Technique), EMDR (Eye Movement Desensitization and Reprocessing) oder TRE (Trauma Releasing Exercise).

4. Soziales Engagement

Eines der wichtigsten Dinge um unser Nervensystem ist soziales Engagement mit unseren Mitmenschen. Suche dir daher immer wieder Signale aus deiner Umwelt die dir ein sicheres Miteinander vermitteln. Das kann ein Lächeln sein, Blickkontakt, sanfte Berührung wie eine Umarmung von einem lieben Menschen, sowie Unterhaltungen mit Menschen.

5. Körperorientierte Traumatherapien

Wenn du unter Symptomen einer Posttraumatischen Belastungsstörung leidest und das Gefühl hast im Alltag immer wieder von äußeren Reizen getriggert zu werden so dass sich dein Körper ständig in einer Gefahrensituation sieht, so helfen körperorientierte Traumatherapien wie Somatic Experiencing (SE) nach Dr. Peter Levine . Auch die NARM Methode von Dr. Laurence Heller spezialisiert sich auf die Heilung von Entwicklungstrauma. Rolfing oder Feldenkrais können sehr gut bei den Folgen von emotionalen Traumata helfen. Die Links dazu findest du weiter unten in den Ressourcen.

Polyvagale-Theprie-Soziales-Engagement-Sicherheit

Ressourcen zur Polyvagalen Theorie

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