Rolfing und die Kunst der Körpertherapie – Interview mit Vera Ossendorf

Geschrieben von Marie Heintges

Jan 27, 2020

27. Januar 2020

Rolfing, das ist eine manuelle Körpertherapie, bei der durch Strukturarbeit und Manipulation der Faszien der Körper wieder in’s Lot gebracht werden soll.

Viele Menschen kommen zum Rolfing mit orthopädischen Beschwerden wie Rückenschmerzen, chronischen Kniebeschwerden oder Hüftproblemen. Aber auch bei Fehlhaltungen oder Körpertraumata erfahren viele durch die Rolfing Methode eine Auflösung ihrer Beschwerden. Mehr zu meiner eigenen Erfahrung mit Rolfing kannst du hier nachlesen.

Im Interview sprechen Rolfing Spezialistin Vera Ossendorf und ich darüber, wie so eine typische Sitzung im Rolfing aussieht, welche Rolle Körperwahrnehmung und Selbstregulation bei der Therapie einnehmen, und warum viele Menschen nach einer Rolfing-Behandlung nicht nur ihre Beschwerden los sind, sondern gleich noch viel mehr in ihrem Leben ändern.

Vera Ossendorf arbeitet als Rolferin in Köln und hat mich vor ein paar Jahren erfolgreich wegen meiner chronischen Rückenschmerzen mit der Rolfing Methode behandelt. Deshalb konnte ich es auch kaum erwarten, sie auf ein Interview mit mir einzuladen.

Hier erfährst du mehr über meine Geschichte mit chronischen Rückenschmerzen und myofaszialen Schmerzen,

Rolfing Therapie Koeln
Vera Ossendorf arbeitet in eigener Praxis als zertifizierte Rolferin®, Homöopathin und Narbentherapeutin in Köln

Vera, stell Dich doch mal kurz vor: Wer bist Du und wie kamst du zum Rolfing?

Angefangen hat mein beruflicher Werdegang schulmedizinisch als Krankenschwester und Fachapothekerin für klinische Pharmazie und Onkologische Pharmazie. Nach mehr als 10 Jahren in der Krankenhausapotheke habe ich mich dann intensiv mit dem Bereich „Klinische Studien“ beschäftigt und bin auch heute noch als wissenschaftliche Mitarbeiterin in dem Bereich tätig.

Grundlegend geändert hat sich meine Arbeit, nachdem ich selber Erfahrungen mit alternativen Heilmethoden gemacht habe. Um die körperliche und geistige Gesundheit des Patienten wieder herzustellen, steht nun ein ganzheitlicher Ansatz im Vordergrund meiner Arbeit, bei dem der Schwerpunkt auf die Selbstregulation des Körpers und das Herausarbeiten persönlicher Stärken liegt. Ich begann eine Ausbildung zur zertifizierten Rolferin, absolvierte die Heilpraktikerprüfung und machte eine 3-jährige Ausbildung als Homöopathin. Anders als in der Schulmedizin, wo Medikamente durch Eingreifen in Regelkreise des Körpers eine Vielzahl von Wirkungen und Nebenwirkungen mit sich bringen, wird bei homöopathischen Arzneimitteln und auch durch die Rolfing-Behandlung der Körper angeregt die Krankheit eigenständig zu heilen.

Gab es für Dich ein bestimmtes Ereignis, das Dich zum Rolfing geführt hat?

Den Weg in eine Rolfing Praxis fand ich durch die Empfehlung einer onkologischen Oberärztin. Um meine eigene Haltung und damit einhergehende orthopädische Beschwerden zu verbessern, ging ich also zu einem Rolfer. Ich war von den Rolfing Behandlungen und den resultierenden körperlichen Veränderungen so beeindruckt, dass ich im ersten Moment dachte: „das ist Hexenwerk“.

Für diejenigen die sich unter Rolfing nicht viel vorstellen können: Wie sieht denn so eine typische Rolfing Sitzung aus?

Genau genommen, gibt es keine typische Rolfing Sitzung. Jeder Patient kommt mit individuellen Beschwerden, körperlichen wie psychischen, die er angehen und verbessern möchte. Deshalb sieht jede Rolfing Sitzung anders aus. Es gibt allerdings so etwas wie ein „Grundrezept“, eine Art Leitfaden von der Erfinderin der Rolfing Methode, Dr. Ida Rolf.

Nach diesem „Grundrezept“ wird mit dem Körper in 10 Sitzungen systematisch von unten nach oben, sowie von aussen nach innen, gearbeitet. Der Therapeut schaut nach dem muskulären Gleichgewicht (Spieler- und Gegenspielermuskeln, Arbeits- und Stützmuskulatur) sowie nach einem Gleichgewicht in der Orientierung des Körpers in seiner Umgebung (Raum und Boden).

„Rolfing hat zum Ziel, den Körper wieder in’s Lot zu bringen.“

Die Arbeit im Gewebe (Strukturarbeit), findet im Liegen, im Sitzen und im Stehen statt. Dabei wird manuell über die Haut mit dem Körper Kontakt aufgenommen, um z.B. Verklebungen im Fasziennetz oder Verhärtungen der Muskulatur zu lösen und Bewegungseinschränkungen zu verbessern. Genau so wichtig ist es aber mit der räumlichen Wahrnehmung des Patienten zu arbeiten, zu betrachten wie sich der Mensch in seiner Umgebung orientiert.

Zum Beispiel blenden manche Menschen krankheitsbedingt ganze Bereiche ihres Körpers, ja sogar ganze Körperhälften aus. Das macht es vielleicht verständlich, warum nicht nur im Gewebe, sondern auch mit der Wahrnehmung gearbeitet werden muss. Das kann im wahrsten Sinne des Wortes ganze Räume öffnen.

Rolfing hat mir zu einer besseren Haltung, sowie Körperwahrnehmung verholfen

Ich durfte diese Wahrnehmungsübungen während der Rolfing Sitzungen selber erfahren. Mein Körper hat dadurch tatsächlich eine neue, offenere und aufrechtere Haltung angenommen. Ich fühle mich seitdem ‚zu Hause im Körper‘!

Der schwierigste Teil meiner Arbeit liegt darin, Haltungs- oder Bewegungsmuster zu verändern, denn diese Muster können wir nicht kognitiv beeinflussen. Es gibt kein ‘richtig’ oder ‘falsch’. Ich bitte meine Patienten oft während und nach den Sitzungen gezielt in bestimmte Körperregionen hinein zu spüren, damit Veränderungen bewusst wahrgenommen werden.

„Zeigt man dem Körper, welchen Benefit er hat, bestimmte Bewegungen etwas anders durchzuführen, dann wird er alte Bewegungsmuster irgendwann durch neue ersetzen“.

Denn zeigt man dem Körper, welchen Benefit er hat, bestimmte Bewegungen etwas anders zu durchzuführen, dann wird er alte Bewegungsmuster irgendwann durch neue ersetzen. Der Körper muss nur immer wieder bewusst wahrnehmen und spüren, dass es auf die ‚neue Art und Weise‘ viel leichter, angenehmer, nicht so anstrengend oder vorteilhafter ist. Bewegungsmuster zu ändern geht natürlich nicht von jetzt auf gleich, sondern braucht etwas Geduld und Zeit. Erst recht, wenn die Muster bereits seit vielen Jahren bestehen.

Rolfing hat zum Ziel, den Körper ins Lot zu bringen, ohne dass er dabei Muskelarbeit erledigen muss. Das heißt, bei maximaler Muskelentspannung eine Aufrichtung des Körpers, effektive, leichte Bewegung und freie Atmung zu ermöglichen.

Warum werden beim Rolfing zehn Sitzungen angeboten? Kann man auch mit drei Sitzungen viel erreichen?

Man kann durchaus in drei Sitzungen eine Menge erreichen. Vielfach sind akute Beschwerden bereits nach 3 Sitzungen verschwunden. Um jedoch nachhaltige Änderungen in den Bewegungs- und Haltungsmustern zu bewirken und dadurch die Ursache vieler Beschwerden zu beseitigen, sind in der Regel meistens 10 Sitzungen erforderlich.

Was zwischen und während den Sitzungen an Transformation geschehen kann, durfte ich selber in deinen Rolfing Sitzungen erleben. Ich fand das faszinierend, ja magisch…

Ich höre das immer wieder von Menschen, die zu mir kommen. Jede Sitzung für sich ist spannend und ein anderes Thema. In der Regel schließt sich der Kreis dann irgendwann in den Kernsitzungen, also zwischen der 4. und 7. Sitzung. Die entscheidenden Veränderungen können jedoch bei jedem Patienten in unterschiedlichen Sitzungen passieren. So kann sich bei dem Einen in der 5. Sitzung „der individuelle Knoten lösen“ und bei dem Anderen passiert die entscheidende Veränderung in der 6. oder 7. Sitzung.

Mein Ziel ist es, dem Menschen dabei zu helfen, den Körper wieder wahrzunehmen und sich in ihm wohl zu fühlen, d.h. im eigenen Körper wieder zu Hause zu sein.

Zitat-Rolfing-Therapie

Wie unterscheidet sich Rolfing von anderen manuellen Therapien wie z.B. Osteopathie, Massage oder Myo-Reflex Therapie?

Sowohl der Rolfer als auch der Osteopath arbeitet ganzheitlich und denkt in myofazialen Ketten. Jedoch wird in der Osteopathie im Gegensatz zum Rolfing nicht mit Bewegungsmustern gearbeitet. Ein weiterer Unterschied ist, dass beim Rolfing die Schwerkraft mit ins Spiel kommt.

Dr. Ida Rolf hat den Körper immer in Bezug zur Schwerkraft betrachtet: Wie organisiert sich der Körper mit der Schwerkraft? An welchen Stellen, zu welcher Gelegenheit kämpft der Körper gegen die Schwerkraft an und wo kann er die Schwerkraft nutzen? So muss z.B. durch Verschieben der Körperschwerpunkte aktiv Muskelarbeit geleistet werden, damit der Körper nicht umfällt. Mit Massage hat das nicht viel zu tun. Bei der Myo-Reflex Therapie bringt man den Muskel durch sehr festen Druck zum Entspannen.


Ich kann mich gut an ein paar schmerzhafte Behandlungen bei anderen Therapeuten erinnern. Ist ein schmerzhafter Druck bei manueller Körperarbeit denn überhaupt notwendig?

Durch festen Druck werden andere Rezeptoren angesprochen als durch eine sanfte Berührung. Um einen Muskel zu entspannen können durchaus beide Varianten zum Ziel führen. Ich bin jedoch der Meinung, dass sich der Körper bei allen schmerzhaften Erfahrungen schützt.

Sobald Nozizeptoren, das sind Rezeptoren, die dem Körper Schmerz oder Alarm in irgendeiner Form signalisieren, angeregt werden, reagiert der Körper. Das Nervensystem signalisiert sofort „Achtung da stimmt was nicht!“ „Vorsicht, nicht bewegen!“ Der Körper baut feste Strukturen ein, um sich zu schützen und zu stützen, die Muskulatur ist angespannt und verhindert Bewegung. Das kann unter Umständen kontraproduktiv sein.

Bei Schmerz signalisiert das Nervensystem sofort: „Achtung da stimmt was nicht!“, „Vorsicht, nicht bewegen!“

‚Keine Gefahr‘ ist dabei ein ganz wichtiges Signal für den Körper. In meiner Arbeit vermeide ich es tunlichst, Nozizeptoren zu aktivieren. Alles soll sich gut, richtig und wohl anfühlen. Aber es ist genauso wichtig, dass auch der Patient den neu hinzugewonnenen Bewegungsspielraum möglichst in vollem Umfang nutzt und dabei nicht bis an die Schmerzgrenze geht, um die Nozizeptoren eben nicht zu aktivieren.

Rolfing-Interview-Köln

Welche Menschen kommen für eine Rolfing Behandlung zu Dir?

Zur Rolfing Behandlung kommen vorwiegend Patienten mit Haltungsschäden und orthopädischen Problemen: Skoliose, Schulterproblemen, Bandscheibenvorfällen, Verspannungen, Kopfschmerzen, Kiefergelenkproblemen, Hexenschuss oder Gelenkarthrosen in meine Praxis. Aber auch Schwindel, Gangunsicherheiten, Muskelkrämpfe, Tinitus und Atembeschwerden können durch die Rolfing-Behandlung schon mal verschwinden.

Du bietest in deiner Praxis auch Homöopathie, Narbenbehandlungen und die Craniosacrale Therapie an. Inwiefern integrieren sich diese Methoden in deine Arbeit als Körpertherapeutin? Besteht da eine Gemeinsamkeit zum Rolfing?

Alles geht in die gleiche Richtung, den Körper zur Selbstregulation anzuregen. Was für mich das wichtigste ist: Nach vielen Jahren Schulmedizin bin ich der Meinung, dass Selbstregulation die nachhaltigste Form von Heilung ist. So regt das homöopathische Mittel (z.B. Globuli) den Körper zur Selbstheilung an und beim Rolfing ist das ganz ähnlich. Man gibt dem Körper Zeit, Gelegenheit und den Anreiz den Schaden selber zu regulieren indem man versucht die Ursachen und äußeren Umstände der Beschwerden zu beseitigen. Ganz viele haben das Vertrauen in ihren Körper und in die Selbstregulation verloren. Ich glaube, dass man durch die Selbstregulation langfristiger Heilung und Gesundheit bewirken kann.

Gibt es bestimmte Ereignisse oder Reaktionen, die du immer wieder während oder am Ende einer Sitzung bei den Menschen beobachten kannst?

Ich biete meinen Patienten an, vor der ersten Rolfing Sitzung sowie während und nach der letzten Sitzung Fotos von ihnen zu machen, von vorne, hinten, rechts und links. Diese Fotos helfen, die statt gefundenen Veränderungen schwarz auf weiß zu sehen. Alle meine Patienten sind durchweg sehr überrascht wie offensichtlich die Veränderungen sind.

Jeder Patient lernt seinen Körper noch einmal ganz anders kennen. Stellen im Körper, die vorher noch nie wahrgenommen wurden, können nun gezielt angesteuert und losgelassen werden. Der Körper kann sich koordiniert und mit Leichtigkeit bewegen.

Die Menschen bekommen oft einen ganz anderen Bezug zu ihrem Körper und können ihn nach der Behandlung oft viel besser wahrnehmen, ihn mehr wertschätzen, besser körperliche Grenzen respektieren und dadurch den Körper weniger überfordern. Und einige Patienten sind nach den Sitzungen so motiviert, dass sie nun auch andere Lebensbaustellen angehen und ggf. ihr ganzes Leben umkrempeln.

„Jeder Patient lernt seinen Körper noch einmal ganz anders kennen. Stellen im Körper, die vorher noch nie wahrgenommen wurden, können nun gezielt angesteuert und losgelassen werden“.

Ich habe viele chronische Schmerzpatienten, die zu mir kommen. Jeder, der chronische Schmerzen hat, weiß wovon ich rede: Schmerzen verändern einen Menschen körperlich und psychisch. Manche Veränderungen durch Rolfing sind schon sehr beeindruckend.

Was mich am meisten berührt, ist zu sehen, wie der Mensch wieder Lust auf Bewegung bekommt und aktiv und selbstbewusst am Leben teilnimmt. Manche Veränderungen durch Rolfing sind schon sehr beeindruckend.

Vera Ossendorf besitzt eine Praxis für Rolfing, Craniosacrale Therapie und klassische Homöopathie in Köln. Hier findest du mehr über sie.

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